Liebe A., als ich heute Morgen deine Nachricht gelesen habe, dachte ich, dass ich im Grunde genommen jeden einzelnen Punkt, den du anführst, „abnicken“ kann. Du berührst genau die Themen, die in mir und damit auch in meinen Therapiesitzungen immer wieder aufkommen. Die meisten dieser Aspekte sind mir bewusst und ich denke, auf der rationalen Ebene kann ich auch deren Zusammenhänge erkennen und benennen. Ich weiß nur oft nicht, was ich dann mit diesen Erkenntnissen „machen“ soll.

Ich weiß, der Himmel ist blau und nicht grün, die Erde dreht sich um die Sonne, es gibt vier Jahreszeiten, auf Ebbe folgt Flut. Gesetzmäßigkeiten.

Natürlich sind diese nicht mit dem eigenen Denken, Fühlen und Handeln eins zu eins vergleichbar, aber in Ansätzen dann vielleicht wiederum doch.

Ich kann Gesetzmäßigkeiten/Geschehenes nicht verändern, es ist wie es ist, weil es war, wie es war. Da geht es dann meines Erachtens um radikale Akzeptanz, um ein wertfreies Annehmen und dann um die innere Bereitschaft, aus diesem gesetzten Rahmen herauszutreten. Nur gibt es dafür keine Anleitung und ich stehe so sehr oft vor der Frage, „wie?“.

Ich weiß, dass es da Dinge in meinem Leben gibt, die es und mich bereichern, für die ich dankbar bin und über die ich mich freuen können sollte. Aber ich kann es nicht – also, mich wirklich freuen, zumindest kommt es mir ganz oft so vor. Und gerade sind die Tage alle sehr getrübt, ich stehe weinend auf, versuche irgendwie, durch die Stunden zu kommen, nehme Bedarfsmedikamente, weil ich „es“/mich sonst nicht aushalte und der Druck der Selbstschädigung manchmal unkontrollierbar stark wird, hoffe, dass es endlich Abend und der Tag vorbei ist, wohlwissend, dass das gleichzeitig genau die Zeit ist, in der wiederum die Essstörung ganz laut wird. Mir fehlt der Sinn des Ganzen und das, was dem Ganzen Sinn geben könnte, ist für mich viel zu weit weg, nicht greifbar. Ich sehe diese Wünsche irgendwie in der Ferne, habe aber keine Idee, wie ich dorthin kommen kann und dann fällt es mir schwer, situativ funktional zu handeln, weil ich nicht sehe oder es vielmehr nicht fühle, wie sehr es mit dem Erreichen dieser Wünsche in Zusammenhang steht.

Ich stelle mir am Tag mindestens 100 Mal dieselben Fragen, drehe mich dabei aber im Kreis oder gerate in eine Abwärtsspirale, sodass ich oft glaube, es wäre fast leichter, weniger zu denken. Aber ich habe keine Ahnung, wie das gehen könnte. „Einfach machen“ – vielleicht ist „Tun“ das Zauberwort. Und mehr Leichtigkeit, denn zu viel zu (zer-)denken bringt auch viel Schwere mit sich. Und Mut. Weil es vor allem diesen bedarf, um das Leben zu wagen, das da kommt, was auf einen wartet. Mut, eine Ausnahme unter all den Gesetzmäßigkeiten zu sein.

Neulich las ich, wie ein kleiner Junge, der in Therapie war, auf die Frage seiner Therapeutin, warum er denn zu ihr komme, antwortete, dass er „eine Komplizierung im Gehirn“ habe. Vielleicht haben wir Vieldenker das gewissermaßen ja alle – eine Komplizierung im Gehirn…

©Zauber-Worte-Zauber

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